Auf Bayern 1 gab es am 10.11.2007 ein Interview mit dem Kriminalhauptkommissar a.D. Konrad Müller aus Ingolstadt, der sich seit über 30 Jahren mit dem Fall beschäftigt.

Das Interview:

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Wer ist Konrad Müller?

 konrad-mueller.jpg Konrad Müller in der Nähe von Hinterkaifeck 

Müller’s selbst gemaltes Aquarell von Hinterkaifeck

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In der Süddeutschen Zeitung konnte man im Frühjahr 2007 einen interessanten Artikel über Konrad Müller lesen:

Wie ein pensionierter Kommissar nicht ruht, das Geheimnis zu lüften

Von Uwe Ritzer (SZ)

Hinterkaifeck, Ende Dezember – Die Spuren lassen ihn nicht los, nicht die Widersprüche und vor allem nicht das Schicksal der beiden Kinder. Cäzilia muss einen besonders qualvollen Tod gestorben sein. Ihrem kleinen Bruder, den Großeltern, der Mutter und der Magd hat der Mörder die Schädel so blitzschnell eingeschlagen, dass sie sofort zusammensackten. Cäzilia aber, die wand sich zwei, vielleicht sogar drei Stunden lang unter grausamsten Schmerzen. Als der Gerichtsmediziner ihren Leichnam obduzierte, musste er kräftig zupacken, um die Haare aus der verkrampften rechten Hand zu nehmen, die sich das Mädchen büschelweise ausgerissen hat, im verzweifelten Kampf um sein Leben.

„Ich wäre so gern als Sachbearbeiter am Tatort gewesen“, sagt Konrad Müller. Die Leichen hätte er aus ihrem Heuversteck ziehen und aus der Nähe begutachten können. Akribisch hätte er nach Spuren gesucht. Führen wirklich Fußabdrücke im Schnee vom Waldrand zum Bauernhof hin, aber nicht mehr weg? Spricht tatsächlich etwas dafür, dass der oder die Mörder schon vor ihrem Verbrechen tagelang unbemerkt auf dem Heuboden gegessen, geschlafen und sogar ihre Notdurft verrichtet haben? Waren die Dachziegel des Stadels so verrutscht, dass man durch die Luke bequem das Haus und seine Bewohner auskundschaften konnte? Ist es wahr, dass der oder die Killer nach dem Gemetzel noch ein paar Tage lang die Kühe gefüttert, gemolken und Vorräte der Opfer verzehrt haben?

Fragen über Fragen – und wer könnte sie besser aufklären als ein Kriminaler? Einer, der keine Ruhe gibt, bis er alle Geheimnisse gelüftet hat. Einer, der weiß, wie man Spuren an einem Tatort sammelt, Eindrücke registriert und so lange geduldig und beharrlich nach kombinierbaren Fakten sucht, bis man Motiv, Täter und Beweise gefunden hat. Da braucht es jemanden mit Know-How, Leidenschaft, aber vor allem mit Zeit. Von all dem hat der Kriminalhauptkommissar a.D. Konrad Müller reichlich. Doch er ist zu spät geboren. 67 Jahre ist er alt, und so tut er sich schwer damit, einen der mysteriösesten Fälle deutscher Kriminalgeschichte zu lösen, der 13 Jahre vor seiner Geburt geschah.

Es stürmte, regnete und schneite zugleich in den Stunden vom 31. März auf den 1. April 1922. Vermutlich hat jemand in dieser Nacht eine Kuh losgebunden, und deren Brüllen und Rumpeln könnte es gewesen sein, was sie nacheinander in den stockdunklen Stall gelockt hat. Zuerst schaut die Mutter der kleinen Cäzilia nach, die 35 Jahre alte verwitwete Viktoria Gabriel. Als sie nach einer Viertelstunde nicht zurück in der Stube ist, schlurft ihre 72- jährige Mutter hinterher. Der Alten folgt nach einiger Zeit ihr Mann Andreas (63). Und als auch er wegbleibt, läuft die kleine Cäzilia in ihrem Nachthemdchen in den Stall. Sie wird als letzte niedergeschlagen, ehe der oder die Mörder ins Haus hinübergehen. Dort treffen die wuchtigen Hiebe die gehbehinderte Magd Maria Baumgartner (45) in ihrer Kammer vor dem Bett; erst ein paar Stunden vorher hat sie ihren Dienst auf dem Hinterkaifeck-Hof angetreten. Als letzter stirbt der zweijährige Josef in seinem Kinderbettchen – als einziger im Schlaf.

Zwar wundert sich in den Tagen darauf der Dorfschullehrer, warum Cäzilia unentschuldigt im Unterricht fehlt, und auch dem Postboten, der dem alten Gruber immer das Schrobenhausener Wochenblatt vorbeibringt, kommt der verrammelte Hof seltsam vor. Aber erst nachdem der Hofner Albert, ein kräftiger Kerl von 20 Jahren, in dem benachbarten Dorf Gröbern erzählt, wie unheimlich es gewesen sei, stundenlang den Motor der Hinterkaifecker Futterschneidmaschine zu reparieren, ohne dass auch nur ein einziger Hofbewohner auftaucht, schauen die Gröbener nach. Ortsführer Lorenz Schlittenbauer und zwei Nachbarn finden die sechs Leichen. Vier Tage nach dem Blutbad.

...

Detaillierte Protokolle

Der hagere Mann mit der grauen Kurzhaarfrisur sitzt am Esstisch seines Einfamilienhauses in einem Vorort von Ingolstadt und blättert unablässig in prall gefüllten Aktenordnern. Acht Stück hat er davon. Darin heftet er seit Jahrzehnten penibel alles ab, was nützlich sein könnte, um im Fall Hinterkaifeck ein Urbedürfnis des Menschen zu stillen: das nach Sühne. Alte Ermittlungsakten hat er kopiert, Zeitungsausschnitte gesammelt und selbst dutzende Menschen vernommen. Ein paar Zeitzeugen hat er noch persönlich gesprochen; heute lebt von denen keiner mehr. Aber ihre Kinder, Kindeskinder und andere, die etwas wissen könnten, leben noch. Über all seine Gespräche hat Konrad Müller detaillierte Protokolle verfasst. Er hat die Aussagen verglichen und Sachstandsberichte zu einzelnen Tatkomplexen geschrieben und sogar die Mordwaffe exakt nachgebaut: eine Reuthaue, eine Art Hacke für die Feld- und Waldarbeit. Sogar jene dünne hervorstehende Schraube hat er nachgebaut, mit der der alte Gruber unfachmännisch das Eisenteil am Ende des Holzstiels befestigt und das ihm und seiner Familie die Schädel gespalten hat.

Als Müller, ein hagerer Mann, noch Tatortermittler bei der Ingolstädter Kripo war, hat ihn der Fall Hinterkaifeck dienstlich nie offiziell beschäftigt. Doch irgendwann wurde seine Leidenschaft geweckt. Es müsste das Geheimnis doch zu lösen sein, sagte er sich, heute, wo manchmal winzige Fasern oder DNA-Spuren ausreichen, einen Täter zu überführen. Wo Experten vom Insektenbefall einer Leiche und ihrem Verwesungsgrad auf die Todesumstände schließen können. Wo Kriminalisten mit dem Einsatz von allerlei High-Tech auch sehr lange zurückliegende und als unlösbar geltende Mordfälle aufklären. Warum also nicht auch jene düstere Geschichte von Brutalität, Hass, Blutschande und vielleicht auch Rache, die sich vor 80 Jahren auf einem Einödhof im nördlichen Oberbayern abgespielt hat? So stürzte sich Konrad Müller also in diesen Fall – und auch heute, nach sieben Jahren Ruhestand, kommt er davon nicht los.

Wie wäre es wohl gelaufen, wenn damals Konrad Müller die Ermittlungen geführt hätte und nicht Georg Reingruber? Der damalige Oberinspektor aus München war mit der Aufklärung politischer Fememorde in jenen unruhigen Zeiten zwischen den Kriegen mehr als genug beschäftigt, als zu allem Überfluss auch noch dieser sechsfache Mord passierte, irgendwo draußen in der Provinz bei Schrobenhausen. Reingruber fuhr hin, und wie er, die Amtsperson aus der Großstadt, da so im schwarzen Gehrock herumstolzierte, wirkte er allein schon äußerlich als Fremdkörper inmitten der einfach gekleideten Landbevölkerung. Nur ein paar Stunden blieb Oberinspektor Reingruber in Hinterkaifeck, dann hat er den Tatort nie mehr gesehen. Als er zurückfuhr, schien er sicher zu sein: Raubmord! Dabei fand man doch reichlich Geld und Wertgegenstände im Totenhaus. Und hätte ein Einbrecher, der auf Geld aus ist, tatsächlich so hasserfüllt zugeschlagen? Wäre er nicht mit der Beute abgehauen, anstatt zu bleiben und das Vieh zu versorgen?

Womöglich wäre Konrad Müller, der selbst auf einem Bauernhof groß geworden ist, tatsächlich besser in das ländliche Milieu eingedrungen, wo man das Böse bis heute lieber in der Fremde ansiedelt und wo sich hinter heilen Fassaden dörflichen Zusammenhalts Abgründe auftun. Die ganze katholische Gegend tuschelte seit Jahren vom inzestuösen Treiben der Außenseiter von Hinterkaifeck. Im Mai 1915 zum Beispiel hatte das Landgericht Neuburg den alten Gruber wegen Blutschande zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt und seine Tochter Viktoria zu einem Monat. Das sexuelle Verhältnis zum Vater hatte bestanden, seitdem sie 19 war. Die junge Frau ließ sich sogar vom Alten freiwillig in einen Schrank sperren, bis der schroffe und geizige Mann die jungen Freier vertrieben hatte, die um ihre Hand anhalten wollten.

Auch Ortssprecher Lorenz Schlittenbauer blitzte ab. Als Viktoria 1919 den kleinen Josef zur Welt brachte, gab er sich trotzdem als Vater aus; später widerrief er das. Da hatte der zuständige Waidhofener Pfarrer Michael Haas schon den Säugling unter Gruber, also unter dem Familiennamen des Großvaters, ins kirchliche Geburtsregister eingetragen. Daneben schrieb er das Wort „illegitim“. Kriminaler Müller sagt: „Was in Hinterkaifeck passiert ist, war wie ein Gewitter, das langsam aufzieht und sich dann fürchterlich entlädt.“

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Blutschande und Blutbad, welche „die Menschen hier seit Generationen umtreibt“, wie Peter Leuschner beschreibt. Der Journalist, Jahrgang 1947, stammt aus der Gegend, er ist groß geworden mit den Schauergeschichten, die bis heute die Runde machen. Zum 75. Jahrestag der Morde von Hinterkaifeck hat Leuschner das bisher umfassendste und fundierteste Buch zum Thema geschrieben. Der spannende Schmöker basiert auf den amtlichen Ermittlungsunterlagen. Schon ein halbes Jahr nach dem Erscheinen waren 10000 Exemplare verkauft. Ausstellungen haben sich schon mit dem Fall befasst, ein Hörspiel und ein Bühnenstück wurden geschrieben und mehrere Filme gedreht.

Solange das Gute nicht gesiegt hat, bohrt auch nach mehr als 80 Jahren ein Stachel im Bewusstsein der Menschen dieses Landstrichs rings um Ingolstadt. Neulich erst hat wieder einmal allein Mundpropaganda den Saal eines Dorfwirtshauses gefüllt, in dem Kriminalkommissar Müller die Fakten von damals vortrug und hernach eine von ihm komponierte „Moritat“ über den sechsfachen Mord sang. „Hinterkaifeck ist längst ein Mythos geworden“, sagt Leuschner. Ganz so, wie andere große ungeklärte Kriminalfälle: König Ludwigs Ende im Starnberger See zum Beispiel oder der Mord am Findelkind Kaspar Hauser. Und wie unvermeidlich in solchen Fällen bilden sich Legenden.

Wie die vom bayerischen Russen. Als der Donau Kurier 1951 eine Serie über den Kriminalfall druckte, tauchte ein Mann in der Redaktion auf. Er erzählte von einem russischen Offizier, der ihn und andere deutsche Kriegsgefangene nach dem Zweiten Weltkrieg in schönstem Bayrisch angesprochen und einige der Soldaten sogar aus dem Straflager entlassen habe mit dem ausdrücklichen Hinweis: „I bin der Mörder von Hinterkaifeck.“ Bis heute nähren sich daraus wilde Spekulationen.

War Karl Gabriel, Viktorias Mann, gar nicht im Ersten Weltkrieg bei Verdun gefallen? Nahm der vielmehr eine falsche Identität an und kehrte Jahre später unbemerkt zurück auf den Einödhof? Sah er dort mit eigenen Augen, was seine Frau mit ihrem Vater trieb? Und rottete er sie deshalb alle aus, ehe er sich nach Russland absetzte?

Die Polizei war von Anfang an überfordert. Manche mögliche Zeugen wurden überhaupt nicht oder erst nach vielen Jahren vernommen. Nach der Tatwaffe wurde nicht energisch gesucht; das blutverkrustete Werkzeug tauchte erst ein Jahr später beim Abbruch des Einödhofs auf. Widersprüche in den Aussagen, die seltsamen Vorgänge vor und nach der Tat – sie wurden kaum oder gar nicht hinterfragt. Ganz zu schweigen von den „oft falschen oder ungenauen Namen, den unvollständigen Protokollen oder den fehlenden Orts- und Zeitangaben“, die Müller in den Ermittlungsunterlagen ausgemacht hat.

Emotionen gibt es bis heute zuhauf. Manche Familien leiden noch immer unter den Verdächtigungen gegen ihre Ahnen. Einige drohen gar all denen mit Rechtsanwalt und Gericht, die einen Vorfahren beschuldigen. Wer in Gröbern Einheimische nach Hinterkaifeck fragt, erhält oft nur genervt-abweisende Ratschläge wie „Lasst doch endlich den alten Schmarrn ruhen“. Misstrauische Blicke verfolgen den, der sich die 500 Meter vom Dorf hinaus aufmacht. Wo einst das Blut floss, wird heute Rollrasen für Fußballstadien gezüchtet. Eine letzte stumme Zeugin ist jene Fichte, die damals schon hier gestanden haben muss. Nicht weit weg hat Konrad Müller eine Schautafel aufgestellt. In ein Luftbild hat er den Hof maßstabsgetreu eingezeichnet, und ein kurzer Text schildert, was einstmals hier geschah. Auch ein Marterl gibt es, das an die Hinterkaifecker erinnert, die in einem Massengrab auf dem Waidhofener Friedhof liegen: „Gottloser Mörderhand fielen zum Opfer…“

Die Aussage des Pfarrers

„Man hat damals versäumt, ins unmittelbaren Umfeld einzudringen und dort konsequent zu ermitteln“, sagt Profiler Wiest. Er ist überzeugt: Mit heutigen Methoden wäre der Mordfall Hinterkaifeck damals zu klären gewesen. Nach 80 Jahren aber helfe sogar modernste Kriminaltechnik nicht mehr. Asservaten mit etwaigen DNA-Spuren der Täter sind verbrannt oder längst verschwunden, genauso erging’s einem Großteil der Akten. Die übrig gebliebenen Unterlagen sind unvollständig. Warum fehlt in einem ansonsten lückenlosen Aktenband ausgerechnet das Blatt mit der Aussage des Pfarrers Haas, dem Viktoria eine Woche vor ihrem Tod im Beichtstuhl 700 Goldmark zugesteckt hat?

Konrad Müller sucht weiter Antworten auf solche Fragen. Er wird auch künftig den Hinterkaifeck-Hof in Öl und Aquarell malen, wie er das schon dutzendfach getan hat. Er lässt weiter einen Moskauer Freund in dortigen Archiven nach dem bayerischen Russen suchen. Das Verlangen nach Gerechtigkeit treibt ihn nicht. „Der Mörder“, sagt Müller, „ist zwangsläufig schon lange tot“.


 


 

Ein Lied zu Hinterkaifeck
Text von Konrad Müller

Ein Acker liegt am Waldesrand,
wo einstmals Hinterkaifeck stand.
Der Wind trägt das Geschrei der Armen,
erzählt vom schlimmsten Mord vor Jahren.

Es war im Jahre 22,
Blutschande lag am Einödhaus.
Als Ende März ein Schneesturm tobte,
da wurd´ ein Leichentuch daraus.

Ein loses Rind brüllt in der Nacht
und lockt die Opfer aus der Ruh´.
Sechs Menschen werden umgebracht,
der Tod schlägt unbarmherzig zu.

Die Schreckenstat bleibt ungesühnt.
Kein Stein vom Hof als Zeuge bleibt.
kein Mensch hat je solch Straf´ verdient,
der Wald steht schwarz und schweigt.

Quellenhinweis und Fotos:
2007 © Bayerischer Rundfunk – Land und Leute, la Vita

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