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Interview mit einer Zeitzeugin

Nachfolgende Gespräche führte eine Bekannte eines unserer User im September und Oktober 2007 mit ihrer Großmutter, die in Waidhofen geboren wurde und bis 2003 dort wohnte.

Teil I - September 2007:

Kannst Du Dich eigentlich noch an den Fall Hinterkaifeck erinnern?

"Hinterkaifeck? Ja mei, warum willst denn des wissen Kind?"

Es gibt immer noch Menschen, die sich sehr für diesen Fall interessieren und immer noch versuchen herauszufinden, was sich damals ereignet hat?

"Des ist doch scho so lang her. Die armen Seelen sollt mer ruhen lassen. Lebendig werdens doch nimmer."

Schau mal Oma, da gibt es sogar ein Buch darüber (sie zeigt das Leuschner-Buch)

"A Buch?"

Nach anfänglichem Zögern interessiert Sie sich dafür. Die Fragestellerin überblättert die Tatortfotos, da sie ihr diese Bilder vorenthalten möchte. Auf der nächsten Seite sind die Bilder der Särge abgedruckt. Die Oma sieht das Bild lange an.

"Mei, des is wirklich schlimm gwesen damals. Schlimm wars, schlimm wars..."

Hast Du die Hinterkaifecker gekannt Oma?

"Kannt? Mei. Ob die überhaupt einer richtig kannt hat, weiß i ned. In der Schul gwesen bin i mit der Cälli. Die hab i scho kannt. Aber richtig befreundet sind mer net gwesen. Die Klara hats besser kannt, die war öfter mal draußen in Kaifeck. Der Vater von der Klara hat se mitgnommen nach Kaifeck, wenn er mal draußen war."

Was hat denn der Vater von der Klara in Hinterkaifeck gemacht?

"Des weiß i ned genau. Allerhand verscherbelt (verkauft) hat er, der Vater von der Klara."

Lebt die Klara noch?

"Die Klara? Naa, die is scho vor 15 Jahren gstorben in Ehekirchen, da is nach der Heirat hinzogen."

Hat die Klara damals noch was erzählt?

"Na, viel gredet ham mer ned drüber. Aber schlecht is ihr gangen damals nach dem Unglück. Lange Zeit war se ned in der Schule. So fröhlich wie zuvor war se au nimmer. War scho schlimm damals, sehr schlimm. Was die Klara damals scho erzählt hat war, dass haltoft gestritten worden is in Hinterkaifeck."

Weißt Du sonst noch etwas?

"Die Gabriel, hieß se doch, ge? Die hat im Kirchenchor gsungen, des weiß i no. Die hab i öfter gsehen wenn se gsungen haben in der Kirch, auf der Dult, beim Maibaumfest oder bei der Feuerwehr, wenns gfeiert ham. Bei der Feuerwehr, da war doch der Johann immer dabei. Da war mer oft. A fesche Person wars, a ganz a fesche. Deswegen weiß i des no. So hübsch wollt ich au mal ausschauen, wenn i groß bin hab i mer immer dacht. Als Kind denkt mer halt so. Ja, sehr hübsch war se, sehr hübsch. Aber ernst gschaut hats oft. Hats halt au ned einfach ghabt daheim. I mein aber, dass die Mama Sie ned so gern gmocht hat. Die ham zam im Chor gsungen. Ja, so wars. Später als alles gschehen is, hat die Mama immer gsagt, dass ihr des ganze Dorf nachglaufen is."

Wer war denn der Johann?

"Der Johann? Der Chef is er gwesen von der Feuerwehr. Also der Leutnant oder so (wahrscheinlich "Kommandant" der Freiwilligen Feuerwehr). Der Vater hat ihn gut kannt, war au oft bei uns gwesen oder in der Wirtschaft."

Hat Deine Mama sonst noch was erzählt?

"Sie hat später immer gsagt, dass se des hat kommen sehen und dass des mal hat so enden müssen in Kaifeck. Der Vater hat se immer gschimpft, dass se stad (ruhig) sei soll. Er will sein Frieden haben und gschehen is gschehen. Als ob er a weng Angst ghabt hat. Angst hab i au ghabt, das jemand kommt in der Nacht wie in Hinterkaifeck. Als Kind halt sowieso..."

Sie fragt, ob noch andere Fotos im Buch sind. Beim Blick auf den Sigl sagt sie:"er hat au gehen müssen, hat ma gsagt..."

Warum hat er gehen müssen und wohin?

"Wegzogen is er, weil er Unruhe gstiftet hat, hat ma gsagt. "

Sie sieht sich das Bilder vom Pfarrer Haas an und sagt:

"Der Pfarrer, ja den kenn i au no. Des war au a strenger Herr. Datzn ham mer kriegt (Tatzen waren Strafen in Form von Schlagen eines Stockes auf die Fingerspitzen). Des kennts ihr nimmer. Warn halt andere Zeiten. Manchmal hab i mer denkt, da predigen se immer von Nächstenliebe und dann sowas. Aber es war halt so. Heutzutage gibts des nimmer und des is scho gut so. Des ghört sie ned...!"

Fällt Dir sonst noch etwas ein?

"I hab ja noch nie was mit Toten zu tun ghabt. Und als Kind... An Kranz ham mer niederglegt am Grab für die Cälli, mir Kinder. Nacheinander sin mer hinglaufen ans Grab..."

Sie stockt... und anscheinend geht es ihr sehr nahe, die Situation vor Augen. Das Gespräch wird an dieser Stelle beendet.

Abschliessend: Darf ich Dich vielleicht irgendwann mal wieder was fragen?

"Mei, des darfst scho machen. Aber was bringts der denn? Lebendig werns doch au nimmer davon. Die Seelen müssen a mal a Ruhe find'n..."

Teil II - Oktober 2007:

"Ich hab über Deine Sachen noch nachdenken müssen, was Du gsagt hast wegen Hinterkaifeck. I hab ja lang nimmer drüber nachdacht. I glaub jetzt au, dass die Seelen kei Ruh finden, weils kei Gerechtigkeit kriegt haben."

Du musst nicht drüber reden, wenn Du nicht willst.

"Na, na, ich sag's dann scho, wenn's ma zviel wird."

Was hat man denn damals in Waidhofen gesprochen nach dem Mord in Hinterkaifeck?

"Oh mei, als "Raubmord" hat mers verkaufen wollen, die Polizei hat des gsagt. A Raumord war des nie. Es is doch nix geraubt worden, hat die Mutter gsagt. Gred hat ma viel. Aber das des a Raubmord war, des hat keiner glaubt. A "Hass-Mord" is es gwesen, hat ma gsagt."

Hat man jemanden bestimmten verdächtigt?

"Es is scho öfter jemand verdächtigt worden."

Ist der Name Schlittenbauer auch gefallen?

"Verraten hät er sich, hat's gheißen."

Schau mal... (zeigt ein Foto von Lorenz Schlittenbauer) Sie sieht das Bild länger an.

"Is er's ned? Wir a schaut! Der Vater hat immer gsagt:"Sei ruhig Mutter! No gehts uns gut und des soll au so bleiben." Aufpasst hat er, der Vater, des hat mer gmerkt."

Hat sich damals keiner was sagen trauen, das gibt es doch nicht?

"Mei, des war so. Was hättens machen wollen? Es wollt ja keiner das was passiert. Und gwußt hat der Vater nix, hat er gsagt."

Du hast doch gesagt, dass die Viktoria Gabriel, die hübsche Frau, im Kirchenchor mit Deiner Mutter gesungen hat. Gibt es da noch Fotos?

"Ja, da ham mer eins ghabt. Die Mutter mit'm Kirchenchor und dem Pfarrer vor der Kirche. Des is bei uns in der Stub'n gehangen, neben dem Kamin. Deswegen konnt i mer die Viktoria au öfters anschauen."

Wo ist denn das Foto? Hast Du das noch?

"Mei, als die Eltern gestorben sind, da hat ja von uns keiner mehr auf'm Hof gwohnt. Vielleicht is es jetzt no aufm Speicher bei den ganzen Fotos und dem Geschirr mit den Uhren?"

Dürfte ich mal im Speicher nach alten Fotos schauen, wenn es Dir nichts ausmacht?

"Des kannst scho machen. Vielleicht findst ja was. Musst mers halt zeigen, dann kann ich's dir sagen. Die Bilder kenn i scho no alle. Von der Feuerwehr hat der Vater au a Bild ghabt und von der Kirchweih und von uns halt. Aber soviel warens ned, des is ned billig gwesen."

Stimmt es, dass Lorenz Schlittenbauer sich damals verraten hat? Wie denn?

"Des weiß i ned genau. Verschwätzt hat er sich und des ned nur einmal, hams erzählt. Sachen, die nur der Mörder wissen konnt, hams gsagt. Und an Aufruhr hats geben im Dorf, des hat die Mutter später öfter erzählt, weil er bei den Särgen mittragen hat, von der Kirch auf den Friedhof. Des is scheinheilig hats gsagt."

Er hat die Särge mitgetragen?

"Ja, des warn mehrere, des weiß i no. Der Josef war au dabei. (Anm.: Josef war wohl der Feuerwehrmann). Kalt wars! Gforen ham mer! April muss gwesen sei. Die Sach war scho schlimm."

Sie hält eine Zeitlang inne...

Was hat man denn über die Leute von Hinterkaifeck so erzählt? Stimmt das mit der Blutschande zwischen Vater und Tochter?

"I weiß ned. Gsagt hat mers immer. Aber ob's halt freiwillig war? Der Johanna (wohl eine frühere Nachbarin in Waidhofen) ihr Vater hat sich au immer über sie hergmacht. Bis se wegzogen is und verheiratet war. Des weiß i, weils mer des viel später selber erzählt hat. A Tochter mach des doch ned freiwillig! I glaub, dass er's zwungen hat. Mutter hat's glaubt. Direkt gredet hat mer ja ned drüber. Und im Chor wars doch. Des machts doch ned, wenns des freiwillig macht. Des gabs früher öfter, dass der Vater sich über die Töchter hergmacht hat."

Das Gespräch endet, da die Befragte Besuch erhält.

Nachtrag: Die Interviewte ist als eine der letzten lebenden Zeitzeugen im April 2008 im Alter von 94 Jahren verstorben.

Bei einer der Besuche nach den Interviews gab die Oma noch nachfolgende Beschreibungen der Hinterkaifecker, zu denen sie einen persönlichen Kontakt hatte:

Viktoria Gruber:
Die Haarfarbe der Viktoria Gruber war nicht hellblond, sondern eher dunkelblond bis hellbraun. Die Haare waren lang und zumindest bei den Anlässen als die Oma sie sah, hochgesteckt. Sie war etwa geschätzte 1,70 groß und schlank.

Cilli:
Cilli trug dunkelbraune (!) lange Haare, oft zu Zöpfen geflochten.

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Die historischen Akten

Dank der Hilfe vieler User aus dem Forum von hinterkaifeck.net sind nun wesentliche Teile der in Augsburg und München eingelagerten Akten über den Mordfall erstmals zugänglich und können hier online eingesehen werden.

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Der "FFB-Bericht"

Der im Jahr 2007 an der Fachhochschule für Verwaltung und Recht in Fürstenfeldbruck bei München erstellte Bericht über den Mordfall Hinterkaifeck ist hier erstmals öffentlich zugänglich.

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Sterbebildchen

Das im Kirchlein Sankt Vitus in einem alten Kirchenbuch gefundene Bildchen der Hinterkaifecker Opfer gibt auch heute noch Rätsel auf.

Lesen Sie hier, warum...


Danksagung

Der Dank der Betreiber dieser Seiten richtet sich für ihre inhaltliche Zu- und Mitarbeit an alle "Privatermittler", welche den Mordfall Hinterkaifeck durch ihr privates Engagement und erheblichen Rechercheaufwand nicht in Vergessenheit geraten lassen.

 

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