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Augenscheinprotokoll des OAR's Wiesner vom 04. und 05. April 1922

A b s c h r i f t


aus dem Hauptakt der Staatsanwaltschaft Neuburg a.d.D.


AUGENSCHEIN – PROTOKOLL


aufgenommen am 4. April Nachts und am 5.April 1922

im Anwesen
Hs.Nr.27 ½ zu Gröbern, Gde.Wangen.


Gegenwärtig:

  • Oberamtsrichter Wiesner
  • Gerichtsassistent Schäfer


Nebenbezeichnete Gerichtskommission des Amtsgerichts Schro-
benhausen begab sich auf Mitteilung der Gend.Station Hohenwart
in das obige Anwesen, wo sich am 4.April nachts Gend.Posten von
Hohenwart und Schrobenhausen sowie Bürgermeister Greger von Wangen
einfanden.


Zum Termine am 5.April 1922 hat sich auch Herr II.Staats-
anwalt Hensold aus Neuburg a.d. Donau eingefunden.
Die Gerichtskommission fand am 4.April nachts gegen 10 Uhr das
Haus noch verschlossen vor. Man konnte in das Haus nur durch die
westliche Türe des Maschinenhäuschens gelangen. Diese Türe ist
auf der Planskizze grün bezeichnet. Bei der Ankunft der Kommission
war diese Türe von innen nicht verschlossen, sie wurde nur durch
ein außen schräg angespreiztes Holzstück zugehalten. Da wo dieses
Holzstück den Boden berührte, zeigte der Boden eine Vertiefung,
woraus man fast schließen möchte, daß diese Türe regelmäßig oder
doch meistens auf diese Weise geschlossen worden war.
Durch das Maschinenhäuschen gelangte die Kommission durch
ein Türchen, das auf der Planskizze gelb bezeichnet ist, in den
Stadel. Unmittelbar hinter diesem Türchen lagen vier Leichen und
zwar da, wo eine Türe aus dem Stadel in den Stall führt. Diese
Türe ist auf der Planskizze rot bezeichnet. Unmittelbar unter der
Schwelle dieser Türe lag die Leiche der Cäzilie Gruber und etwas
quer zu dieser Leiche die Viktoria Gabriel. Diese beiden Leichen
befanden sich noch in ihrer natürlichen Lage, man konnte sofort
erkennen, daß sie noch so dalagen, wie sie zusammengesunken waren,
östlich von diesen beiden Leichen, unmittelbar daneben, und zwar
mit dem Kopf gegen die Stallwand lag die Leiche des Andreas
Gruber und die der 9 jährigen Cäzilie Gabriel. Diese beiden Lei-
chen lagen auf dem Rücken und zwar in vollständig gerader ausge-
streckter Lage, sodaß man sofort erkennen konnte, daß sie erst
später in diese Lage gebracht worden waren. Der Bürgermeister
Georg Greger, der die Gerichtskommission durch das Haus führte,
teilte dann auch auf Befragen mit, daß Schlittenbauer von Gröbern,
der mit zwei anderen Personen zuerst das Haus betreten hatte, die
Leiche des alten Gruber und der Cäzilie Gabriel an den Platz ge-
bracht habe, wo die Gerichtskommission sie vorfand. Ursprünglich
sei die Leiche des alten Gruber quer üb. den Leichen der Cäzilie
Gruber und der Viktoria Gabriel gelegen und zwar auf dem Bauch
mit dem Kopf nach Westen und zwischen diesen drei übereinander
liegenden Leichen und der westlichen Stadelwand, sei die Leiche
der 9 jährigen Cäz. Gabriel gelegen. Diese sämtlichen Leichen
wiesen Spuren auf, die darauf hinzeigten, daß sie durch Schläge
auf den Kopf umgebracht worden waren. Die Leiche der 9 jähr.
Cäzilie Gabriel zeigte unten am Kinn eine querverlaufende breit-
klaffende Wunde.


Bei der Ankunft der Gerichtskommission waren die Leichen
noch zum Teil mit Heu bedeckt. Nach einer Mitteilung des Bür-
germeisters Greger waren die Leichen, als sie von Schlittenbauer
aufgefunden wurden, etwa ½ m hoch mit Heu zugedeckt und oben
darüber war noch eine alte Türe gelegt. Von der Stelle aus,wo
die Leichen lagen, gelangt man durch die bereits erwähnte rot
bezeichnete Türe über zwei Stufen in den Stall. Für das Gericht
hatte es den Anschein, als seien die 4 Personen, deren Leichen
im Stadel gefunden worden waren, an eben der Stelle, wo sie ge-
funden worden sind, niedergeschlagen worden. Die Täter sind
wahrscheinlich auf demselben Wege durch das Maschinenhäuschen
in den Stadel gelangt, wie die Gerichtskommission. Auf irgend
eine Weise ist es ihnen gelungen, eine Person nach der andern
durch den Stall bis zu der Türe, die in den Stadel führt, zu
locken und dort niederzuschlagen. Selbst wenn die Person, die
gerade im Stadel niedergeschlagen wurde, schrie, so konnte das
in der Mägdekammer u.im Schlaf- u.Wohnzimmer nicht gehört wer-
den. Es wurden mehrere Hörproben vorgenommen, der Richter begab
sich in die Mägdekammer u.in das Wohnzimmer u.ließ durch zwei
Personen an der Stelle im Stadel, wo die Leichen gefunden worden
waren, ein mächt.Geschrei aufführen. Die Uhr des Richters und
der Personen war vorher genau auf die Minute gleich eingestellt
u.genau zur verabredeten Zeit wurde geschrien. Von den Schreien
war entweder in der Mägdekammer noch im Wohnzimmer irgend etwas
zu hören.


Die Türe, die vom Stall in den Stadel führt, ist so schmal,
daß nur immer eine Person durch sie in den Stadel treten konnte.
Ganz ausgeschlossen war es, daß, falls etwa alle 4 Personen
gleichzeitig in den Stadel gekommen waren und eins hinter dem
andern durch die Tür in den Stadel trat, daß das innen im Stalle
zunächst stehende dem der vorne an der Türe gerade niedergeschla-
gen wurde, hätte Hilfe bringen können. Denn dazu ist der Gang im
Stall und die Tür die zum Stadel führt, zu schmal. Durch den
Futtergang im Stall sind die Täter wahrscheinlich weiter in das
Haus eigedrungen, gelangten durch den Vorplatz in den Kellervor-
raum, in die Küche u.von da in die Mägdekammer, wo die Leiche
der Marie Baumgartner auf der linken Seite etwas auf den Bauch
zugewendet u.mit dem Kopfe beinahe unter der Bettstelle, in
einer großen Blutlache auf dem Boden lag. Ihr war ebenfalls
durch kreuzweis geführte Hiebe der Schädel eingeschlagen. Die
Leiche der Baumgartner war noch vollständig angekleidet. Ihr
noch gar nicht ausgepackter Rucksack lag auf einer Bank unter#
dem südlichen Fenster.


Auf einem Kochherd, der an der Ostwand der Mägdekammer steht,
lag ein Papiersäckchen, das etwa ein halbes Pfund Bleischrot
enthält. Das Säckchen ist ein Lohnbeutel, der die Aufschrift
trägt: "Scheppach Rupert, Gewerk D 2 Nr.54 Lohn für den 2. mit
8.2.1920".


Aus der Mägdekammer sind die Täter wahrscheinlich wieder
in die Küche zurück, von hier in den Hausgang u.vom Hausgang
in das Schlafzimmer eingedrungen. Im Schlafzimmer lag in einem
Kinderwagen die Leiche des zweijährigen Josef Gruber. Diesem
war durch einen wuchtigen Schlag die ganze rechte Schläfenseite
eingeschlagen. Der Schlag hatte zuerst das aufgespannte Dach
des Kinderwagens getroffen, dieses durchtrennt u.dann dem Kinde
den Schädel zerschmettert. Der Schlag war mit solch sinnloser
Wucht geführt, daß Blut u.Gehirnteile über die Kopfseite am
Wagen u.am Bett klebten. Durchwühlt war eigentlich in der Woh-
nung nichts, mit Ausnahme vom Schlafzimmer, wo der oder die Tä-
ter einige Zeit herumgesucht haben müssen. Denn in dem einen
auf der Planskizze blau eingezeichneten Bette lagen vom Ober-
bett verdeckt mehrere Schlußnoten u.sonst.beschriebene Papiere,
ein Notizbuch, eine geleerte Brieftasche u.eine Damenuhr. Ob
den Tätern Geld u.Wertsachen in die Hände gefallen sind, läßt
sich z.Zt. noch nicht feststellen. Es scheint aber, daß ihm
das in der Brieftasche vorhandene Papiergeld in die Hän-
de gefallen ist.


Die Gerichtskommission hat Gold u.Silbergeld, einen 5 M-
Schein u.Scheidemünzen sowie versch.Pfandbriefe, Kostbarkeiten
u.Sparbücher vorgefunden. Diese sämtlichen Werte wurden bei
der Hinterlegungsstelle des Amtsgerichts Schrobenhausen hinter-
legt.


Hinsichtlich ihrer näheren Bezeichnung wird auf das in Ab-
schrift beiliegende Ersuchen an die Hinterlegungsstelle verwie-
sen.


In dem Maschinenhäuschen und zwar in seiner nördlichen
Hälfte, befindet sich ein kleiner Dachboden, der etwa über Schul-
terhöhe über dem Fußboden ist u. der durch eine kleine angelehnte
Leiter erreicht werden kann. Auf diesem Boden liegt verstreut
ein Haufen Stroh u.in diesem Stroh fanden sich Eindrücke, wie
wenn dort eine oder mehrere Personen läng.Zeit gelegen wären.
Neben der Räucherkammer, die sich auf dem Dachboden ober-
halb der Küche befindet, hingen etwa 10 – 12 Stücke Rauchfleisch.
Von einem dieser Stücke war die Hälfte weggeschnitten.
Wenn die 4 Personen, deren Leichen im Stadel gefunden wor-
den sind, innerhalb des Hauses an einer anderen Stelle nieder-
geschlagen u.erst dann in den Stadel geschleppt worden wären,
so hätten sich Blutspuren finden müssen, die von der Stelle, wo
die Personen niedergeschlagen worden wären, zu der Stelle wo die
Leichen lagen, geführt hätten. Solche Spuren ließen sich aber
im ganzen Hause nirgends entdecken. Sie hätten aber unbedingt
da sein müssen, da sämtliche Leichen im Gesicht u.auch an ande-
ren Körperstellen stark mit Blut besudelt waren.


Auch der Hund, ein gelber Spitz, der nach jedem Fremden,
der ihn zu berühren sucht, schnappt, - der Richter hat sich hier-
von selbst überzeugt – muß einen Schlag auf den Kopf bekommen
haben, denn sein rechtes Auge ist getrübt u.etwas verschwollen,
auch zeigt der der Hund, wenn ein Fremder auf ihn losgeht, eine
große Angst, zieht den Schwanz ein, krümmt sich zusammen und
fängt heftig an zu zittern, berühren läßt er sich, wie gesagt
nicht, sondern er beißt. Dieser Hund wurde jeden Abend in den
Stall gesperrt u.er war auch noch im Stall drinnen, als Schlit-
tenbauer mit noch zwei anderen Einwohnern von Gröbern als erster
nach der Tat das Anwesen betrat.


Die Tat ist wahrscheinlich in der Zeit vom 31.März auf den
1.April 1922, also Freitag auf Samstag begangen worden, und
zwar vermutlich in später Abendzeit am 31.März kurz bevor die
Einwohner es Hofes zur Ruhe gehen wollten, denn die 9 jährige
Cäz.Gabriel war nur noch mit einem Hemd bekleidet, sie war also
wahrscheinlich schon zu Bett gegangen gewesen. Der alte Andreas
Gruber war nur noch mit einer Unterhose und einem Hemd bekleidet.
Die Leiche der alten Gruber war noch vollständig bekleidet, an
dem einen Fuße trug sie noch einen Pantoffel. Die Viktoria
Gabriel war ebenfalls vollständig angekleidet, trug aber an den
Füßen nur Strümpfe und die Leiche der Maria Baumgartner lag so
vor dem Bette, daß man annehmen kann, sie sei in dem Augenblick
von hinten niedergeschlagen worden, als sie gerade im Begriffe
war, das Bett aufzudecken. Die Baumgartner war noch vollständig
bekleidet, auch mit Schnürschuhen. Am Abreißkalender befand sich
noch der Zettel für den 1.April. An einem der Fenster der Wohnung
steckte noch die Post, die der Postbote dorthin am 1.April ge-
steckt hatte. Durch den Gend.Ob.Wachtm.Blank ist ermittelt
worden, daß die 9 jährige Cäz.Gabriel am Samstag Vorm.
nicht mehr in die Schule gekommen ist. Aus all diesen Tat-
sachen muß geschloßen werden, daß die Tat zu der vorhin
angegebenen Zeit geschehen ist. Hinzu kommt noch, daß
feststeht, daß die Maria Baumgartner am 31.März 22 nachm.
5 Uhr in das Gruberanwesen gekommen ist, um dort ihren
Dienst anzutreten. Die Gerichtskommission hat die Haus-
türen u.die Fenster verschlossen vorgefunden, die Täter
müssen also nach der der Tat das Anwesen auf dem selben Weg,
auf dem sie eingedrungen waren, nämlich durch den Stadel
u.das Maschinenhäuschen wieder verlassen haben. Deswegen
haben sie wohl auch die 4 im Stadel liegenden Leichen mit
Heu u.einer Tür zugedeckt, damit sie auf ihrem Rückweg un-
gehindert über die Leichen wegschreiten konnten, vielleicht
auch, damit sie bei ihrem Rückzug ihre blutbefleckten kreuz-
weise übereinander liegenden Opfer nicht noch einmal an-
sehen mußten.


Als die Kommission am 4.4. nachts den Stall betrat,
war das Vieh noch sehr unruhig u.brüllte durcheinander.
Bei der nochmaligen Besichtigung am 5.IV. ergab sich,
daß auf dem Dache an 2 verschied.Stellen einmal auf dem
Scheunendach u.das anderemal auf dem Hausdach je ein Dach-
ziegel zurück gezogen worden war, so daß man von da aus den Hof über-
sehen konnte, bes.leicht war dies von der Stelle des Scheu-
nendaches aus möglich. Diese Dachziegeln waren erst vor ganz
kurzer Zeit zurück gezogen worden, das konnte man an der Fär-
bung des weiter unten lieg. Ziegels deutlich erkennen. Soweit
nämlich der zurückgezogene Ziegel den weiter unten liegenden
Ziegel bedeckt gehabt hatte, war der weiter unten liegende
Ziegel noch vollständig neu, schön hellrot u.nicht verwit-
tert, während im übrigen die Ziegel die Farbe aufwiesen, wie
sie eben ein Jahre hindurch dem Wetter u.dem Rauch ausgesetz-
tes Ziegeldach zeigt.


Am 4.IV. nachts fand die Gerichtskommission am Südende
des Futterbarrens im Stall eine schwere Kreuzhacke mit einem
etwa meterlangen Stiel; diese Hacke war in den Futterbarren
selbst hineingelehnt, sodaß sie vom Vieh beleckt werden konn-
te, u.auch tatsächlich beleckt worden ist, wie der Richter
selbst gesehen hat. Es machte den Eindruck, als ob an dem
Eisenteil dieser Hacke noch einige Blutspuren zu sehen wären,
ebenso zeigten sich an dem Teil des Stieles, da wo er aus den
Eisenteilen herausführt, einige rotbraune Flecken, wie von
angetrocknetem Blut. Die Kreuzhacke wurde da vorgefunden.
wo in der Planskizze ein blaues Kreuz im Futterbarren einge-
zeichnet ist.
Auf der Planskizze ist im Stadel, nahe beim nördlichen
Scheunentor ein rotes Kreuz eingezeichnet. Dort hing vom
Dachboden herunter bis auf den Fußboden ein etwa fingerdickes
Seil, das oben so fest angeknüpft war, daß sich eine erwach-
sene männliche Person an ihm herunter lassen konnte.
Der Hof ist ringsherum mit einem Drahtgitter eingezäunt,
er ist aber trotzdem von außen her frei zugänglich, weil an
der Stelle, wo der Backofen steht, in dem Drahtgitter (eine) einige
Meter breite Lücke ist.


Im Übrigen wird auf die beiliegenden Planskizzen ver-
wiesen.


Der Hof, wo die Tat begangen worden ist, gehört zur
Ortschaft Gröbern, Gemeinde Wangen u.wird im Volksmund Einöd-
hof Hinterkaifeck genannt. Er liegt von der Ortschaft Gröbern,
dieser gegenüber etwas erhöht, etwa 500 m entfernt, u.zwar
an einem nach Schrobenhausen führenden Weg. Der Hof wird von
drei Seiten her von Wald umschlossen u.zwar so, daß sich
der Wald im Durchschnitt etwa 4 bis 600 m vom Hofe entfernt
hält. Der Hof steht für sich ganz allein.

Die Gerichtskommission:
gez. Wiessner.
gez. Schäfer.

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Die historischen Akten

Dank der Hilfe vieler User aus dem Forum von hinterkaifeck.net sind nun wesentliche Teile der in Augsburg und München eingelagerten Akten über den Mordfall erstmals zugänglich und können hier online eingesehen werden.

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Der "FFB-Bericht"

Der im Jahr 2007 an der Fachhochschule für Verwaltung und Recht in Fürstenfeldbruck bei München erstellte Bericht über den Mordfall Hinterkaifeck ist hier erstmals öffentlich zugänglich.

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Sterbebildchen

Das im Kirchlein Sankt Vitus in einem alten Kirchenbuch gefundene Bildchen der Hinterkaifecker Opfer gibt auch heute noch Rätsel auf.

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