▪ Tatverdächtige

Diese Seite gibt einen Überblick über die Personen, die im Zusammenhang mit dem sechsfachen Mord am 31. März 1922 auf Hinterkaifeck der Ausführung oder einer Mittäterschaft an der Tat verdächtigt wurden. In dieser Zusammenstellung der sowohl be- als auch entlastenden Indizien werden Sachverhalte herangezogen, die sich aus Verhören der Polizei mit entsprechenden Quellennachweisen belegen lassen. Zeugenangaben finden nur Berücksichtigung, wenn es sich um Angaben aus erster Hand handelt.

Aussagen “vom Hören her” bleiben mangels gesicherter Quellennachweise unberücksichtigt.

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Lorenz Schlittenbauer (*16.08.1874; †22.05.1941)

- Gröberner Landwirt und Ortsführer, Nachbar der Ermordeten -

Belastende Indizien

Nach Einschätzung mehrerer Experten kann der sechsfache Mord von Hinterkaifeck einem Täter zugerechnet werden, der einen direkten Bezug zu den Opfern hatte und diese auch persönlich gekannt haben dürfte. Dafür spricht nach Ansicht eines Münchner Profilers zwingend, dass im Anwesen Gold- und Silbergeld sowie Schmuck nicht gestohlen wurden und die Leichen vom Täter aufeinandergeschichtet sowie mit Heu, Stroh und einem alten Türblatt sorgfältig abgedeckt wurden, obwohl sich der Tatort im Stadel nicht im Einsichtsbereich von außen befunden hat.Weiter offenbarte der Täter wohl ausschließlich Interesse an persönlichen Schriftstücken der Opfer, die er im Anwesen nach Einsichtnahme offenliegend zurückgelassen hatte.

Wenigstens ein Opfer trug bei der Obduktion neben den zum Tode führenden Schädelverletzungen Würgemale, was zusätzlich auf großen Hass des Täters hindeuten könnte. Die Ermordung eines zweijährigen Kleinkindes lässt ebenfalls einen starken emotionalen Konflikt des Täters erahnen.

Schon bald nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Jahre 1918 hätte sich Viktoria Gabriel dem Lorenz Schlittenbauer mehrmals angeboten, so dessen Aussage im Verhör. Daraufhin hätten beide mehrmals miteinander geschlechtlich verkehrt. Viktoria Gabriel hätte Lorenz Schlittenbauer mehrmals in Aussicht gestellt, sie heiraten zu können. Nur ihr Vater, Andres Gruber hätte die Hochzeit letztendlich erfolgreich verhindert.

Viktoria Gabriel wurde Anfang des Jahres 1919 schwanger und sie wurde am 07.09.1919 von einem unehelich geborenen Jungen entbunden, als dessen Vater sie den zu dieser Zeit ledigen Lorenz Schlittenbauer angab.
Während der Schwangerschaft wurde bereits das Gerücht verbreitet, dass der Vater des Kindes der leibliche Vater der Viktoria Gabriel, Andreas Gruber sei. Dieses Gerücht fand besonders Nahrung durch Äußerungen des Lorenz Schlittenbauer, dass er die Vaterschaft nicht annehmen werde.
Andreas Gruber ließ zwar einen Brief schreiben, dass er ihn als Urheber des Gerüchtes verklagen werde, hat aber eine Klage unterlassen.

Lorenz Schlittenbauer zeigte nun seinerseits am 10.09.1919 Andreas Gruber und dessen Tochter Viktoria Gabriel wegen Blutschande an und machte dabei geltend, dass ihm Viktoria Gabriel selbst zugestanden habe, dass sie mit ihrem Vater Geschlechtsverkehr gehabt habe. Er führte weiter aus, dass Gruber von ihm 3000.- Mark fordere, obwohl er, Lorenz Schlittenbauer und Gruber vereinbart hätten, dass Lorenz Schlittenbauer die Vaterschaft für das Kind anerkennen solle, für das Kind aber nichts zu bezahlen habe. Trotzdem hat Lorenz Schlittenbauer am 30.09.1919 die Vaterschaft anerkannt und sich zur Zahlung einer Abfindungssumme von 1800.- Mark verpflichtet, offenbar nur deswegen, weil ihm Andreas Gruber und Viktoria Gabriel die nur zum Schein verlangte Abfindungssumme von 1800.- Mark selbst zur Verfügung gestellt haben.
Der Vormund des Kindes, Andreas Gruber, hat das Abfindungsangebot mit Zustimmung des Vormundschaftsgerichts angenommen.

In diesem Zusammenhang steht auch die Aussage des Lorenz Schlittenbauer als Zeuge vor dem Amtsgericht Schrobenhausen vom 25.09.1919, in welcher Lorenz Schlittenbauer seine Beschuldigung gegen Gruber und Gabriel zurücknahm. Wegen dieser Aussage wurde Andreas Gruber, der am 13.09.1919 in U-Haft genommen worden war, am 27.09.1919 entlassen.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Neuburg/Do. vom 08.10.1919 wurde Lorenz Schlittenbauer am 23.10.1919 als Zeuge gesetzlich vereidigt. Er gab bei seiner Vernehmung an, dass seine Anzeige voll und ganz der Wahrheit entspreche und er am 23.09.1919 die Unwahrheit gesagt habe, weil ihn Viktoria Gabriel zur Zurücknahme seiner Behauptungen veranlasst habe und Gruber ihm in Aussicht gestellt habe, er werde ihm die Sache möglichst leicht machen, wenn er die Vaterschaft annehme.

Vier Tage nach dem Verbrechen fanden Ortsführer Lorenz Schlittenbauer, Michael Pöll und Jakob Sigl den Hinterkaifecker Hof rundherum verschlossen vor, nur das äußere, zum Maschinenhaus führende Tor stand offen. Im Gebäudeinnern ließ Lorenz Schlittenbauer ein Scheunentor aufbrechen, um in die Tenne vordringen zu können.
Vor der zum Stall führenden Tür stolperte Michael Pöll über einen Fuß, der augenscheinlich aus einem Heuhaufen hervorragte. Lorenz Schlittenbauer ergriff den Fuß und legte die Leiche des Andreas Gruber frei. Kurz darauf zog er außerdem die Leiche der 7-jährigen Cäcilia Gabriel aus dem Haufen hervor.
Vorgeblich auf der Suche nach seinem unehelich geborenen Sohn Josef Gruber, drang Lorenz Schlittenbauer allein über den Stall in den Wohnbereich vor. Seine beiden Begleiter verließen derweil die Scheune wieder auf dem Weg, wie sie ins Gebäude gelangt waren und postierten sich im Freien vor der Haustür auf der Südseite des Anwesens. Lorenz Schlittenbauer öffnete nun von innen die Tür, um seine Begleiter ins Haus zu lassen.
Wie Lorenz Schlittenbauer am 30. und 31.03.1931 anlässlich einer Zeugenaussage selbst erklärte, schloss er die Haustüre mit dem von innen in der Tür steckenden Schlüssel auf. Jakob Sigl konnte den sich im Schloss drehenden Schlüssel deutlich hören.
Im Haus fanden die Männer den zweijährigen Josef Gruber, sowie die Dienstmagd Maria Baumgartner erschlagen vor.

Zwei Tage vor seiner Ermordung beklagte Andreas Gruber vor Lorenz Schlittenbauer und dem Landwirt Kaspar Stegmeier aus Gröbern den Verlust eines Haustürschlüssels.

Ferner gab Lorenz Schlittenbauer am 30./31.03.1931 zu Protokoll, dass ein in der Tenne des Anwesens herabhängendes, fingerdickes Heuseil den Tätern dazu verholfen haben könnte, das rundum von innen versperrte Anwesen durch “Herablassen” vom Obergeschoss aus zu verlassen.
Jakob Sigl hingegen bestritt das Vorhandensein eines Seils am Tage des Auffindens der Leichen, da er den Luftraum der Tenne intensiv untersucht hätte. Sigl bezichtigte Lorenz Schlittenbauer in mehreren Zivilprozessen der Täterschaft. Lorenz Schlittenbauer hätte den abhanden gekommenen Haustürschlüssel mit sich geführt, als die Männer ins Gebäude eindrangen.

Aus dem Verhörprotokoll aus dem Jahre 1931 ging hervor, dass Lorenz Schlittenbauer von Viktoria Gabriel nach dem 30.09.1919 insgesamt 5000.- Mark erhalten habe. 2000.- Mark in bar und 3000.- Mark in Pfandbriefen der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank. Die Pfandbriefe hätte er seiner Aussage nach Viktoria Gabriel nach einigen Monaten aber wieder zurückgegeben.

Kriminaloberinspektor Riedmayr hielt Lorenz Schlittenbauer vor, Viktoria Gabriel hätte verschiedenen Leuten gegenüber geklagt, dass er, Lorenz Schlittenbauer, fortgesetzt von ihr Geld erpresst habe. Lorenz Schlittenbauer bestritt dies aber vehement.

Am 05.04.1922 protokollierte Kriminaloberinspektor Georg Reingruber von der Münchner Polizeidirektion, dass Lorenz Schlittenbauer am Tatort ein aufgeregtes Benehmen zeigte, sehr viel redete und sich auch sonst wichtig machte. Außerdem wäre Lorenz Schlittenbauer mit den häuslichen Gegebenheiten bestens vertraut gewesen.
Siehe hierzu auch die Zeugenaussagen in Wiki II

Der Schreiner Wenzeslaus Bley sagte am 08.08.1930 aus, dass Lorenz Schlittenbauer noch Jahre nach dem Verbrechen ein seltsames Verhalten an den Tag legte. Im Jahre 1924 saß Bley mit dem Wirt Thomas Schwaiger und Lorenz Schlittenbauer im Wirtshaus. Im Gespräch bezichtigte sich Lorenz Schlittenbauer selbst der Täterschaft. “Ja woher doch, das war ganz leicht, da hab ich g´wart bis eins nach dem anderen kommen is und hab´s nieder´gschlagen.”
Auf einen versuchten Einbruch in Hinterkaifeck angesprochen, der sich in der Nacht vom 29.03.1922 auf den 30.03.1922 ereignete, äußerte sich Lorenz Schlittenbauer, “da bin ich vorwärts nei und arschlings wieder raus.” Schwaiger und Bley fragten daraufhin erschrocken, ob er denn der Täter gewesen wäre und Lorenz Schlittenbauer antwortete: “Ja hab´ ich denn g´sagt, dass ich es g´wen bin, na na, der wos g´macht hat, der hat es so g´macht.”

Nach Ansicht Bleys wollte man in der Gemeinde unbedingt vermeiden, dass ein Gemeindemitglied der Täterschaft verdächtigt wurde. Er bezog sich damit auch auf den damaligen Bürgermeister der Gemeinde, Georg Greger.

Lorenz Schlittenbauer machte auch vor der Polizei keinen Hehl daraus, in welchem Verhältnis er zu den Hinterkaifeckern gestanden hatte. Beispielsweise äußerte er bei seinem zweiten Verhör im Jahre 1931: “Ich sag es ganz offen. Die Leute waren nicht gut, da hat der Herrgott schon die rechte Hand am rechten Platz gehabt.”

Nur der Verdächtige Lorenz Schlittenbauer lässt nach derzeitigem Wissenstand infolge von Hass, Eifersucht und persönlicher Kränkung ein gut fassbares Mordmotiv erkennen.
 
Außerdem ist Lorenz Schlittenbauer stark verdächtig, vor dem Auffinden der Leichen am 04.04.1922 im Besitz des Haustürschlüssels gewesen zu sein.
Nachdem alle Türen und Fenster des Anwesens augenscheinlich von innen versperrt waren, hätten sich gemäss seiner Aussage die Täter noch im Gebäude aufhalten müssen oder hätten sich in der Tat über das im Maschinenhaus vorgefundene Heuseil vom Obergeschoss “herunterlassen” müssen, um das Anwesen verlassen zu können.
Diese Möglichkeit ist als sehr unwahrscheinlich und physisch problematisch ansehen, da die Täter jederzeit die Möglichkeit hatten, das Gebäude durch die Haustür zu verlassen, sofern der Schlüssel von innen im Schloss steckte, wie Lorenz Schlittenbauer angab.

Weiter fiel auf, dass Lorenz Schlittenbauer keine Scheu zeigte, die Toten anzufassen, um sie auseinander zuziehen und in Augenschein nehmen zu können. Außerdem wollte er trotz sehr schlechter Sichtverhältnisse am Tatort die tote Magd als eine Fremde erkannt haben.

Entlastende Indizien

Man muss feststellen, das bis heute nicht bekannt ist, welche Umstände letztendlich zu diesem grauenhaften Verbrechen führten.

Es wird vermutet, Viktoria Gabriel hätte kurz vor ihrer Ermordung versucht, Lorenz Schlittenbauer zur Zahlung von Unterhalt für sein Kind zu verpflichten, aber mangels gesicherter Anhaltspunkte lässt sich diese Spekulation nicht weiter erhärten.

Weiter könnte gerade das von Kriminaloberinspektor Reingruber gerügte, aufgeregte Benehmen des Ortsführers darin begründet liegen, dass er den Anblick von sechs ermordeten Nachbarn, darunter sein eigener Sohn, nicht verkraften konnte.

Auch ist zu beachten, dass Lorenz Schlittenbauer über viele Jahre hinweg vom Bürgermeister der Gemeinde das beste Zeugnis ausgestellt worden ist. Gerade auch wegen seiner Unbescholtenheit ging man davon aus, fremde Raubmörder hätten die Tat verübt.

Die späten Anschuldigungen des Jakob Sigl können durchausals zwiespältig angesehen werden. Sigls Darstellung im Verhör vom 05.04.1922 widerspricht in Teilen der seiner späteren Aussagen, in denen er Lorenz Schlittenbauer der Täterschaft bezichtigte.

Die brutale Vorgehensweise der Mörder kann darauf schließen lassen, dass diese Tat von in professionellen Tätern verübt wurde.

Lorenz Schlittenbauer als Asthmatiker könnte physisch nicht in der Lage gewesen sein, dieses umfangreiche Verbrechen allein zu verüben.

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