Berichte: 1922-04-06 Reingruber Georg

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Bericht d. Georg Reingruber
AktenDokumente.jpg

1 Quelle

Staatsarchiv München

2 Detailinformationen

2.1 Datum

06.04.1922

2.2 Ort

München, Ettstraße, Polizeidirektion

2.3 Autor/Funktion

Georg Reingruber, Kriminal Oberinspektor

3 Inhalt

Bericht des ermittelnden

Kriminal Oberinspektors
Georg Reingruber

vom 06.04.1922

Am 4.4.22, abends 6 ¼ Uhr traf von der Gend. Station Schrobenhausen die Fernmeldung ein, dass in einer Einöde der Gem. Wangen, Bez. Amt Schrobenhausen 6 Personen ermordet aufgefunden wurden. Es wird um Abstellung von Kriminalbeamten und eines Polizeihundes ersucht.

Im Auftrage des Leiters der Krim. Abtl. – Polizeidirektor Ramer – begab ich mich in Begleitung des Krim. Kom. Neuss, Oberwachtmeister Kraus und den beiden Polizeihundeführern Oberwachtmeister Michael Ohlein der 24. Abtlg. N I und des Wachtmeisters Schering der N. II, mit ihren Polizeihunden, sowie des Krim. Sekr. Biegleder des Erkennungsdienstes mit einem Auto der Leitung der Landespolizei noch am gleichen Abend 9 ½ Uhr nach Wangen. Dort trafen wir nachts 1 ½ Uhr ein.

Nachdem uns von der Gend. Hohenwart und später von dem Bürgermeister in Wangen bestimmt versichert wurde, dass an der Mordstelle infolge mangels jeder Beleuchtungsgegenstände ein Arbeiten unsererseits nicht möglich sei, warteten wir bis 5 ½ Uhr morgens in der Wohnung des Bürgermeisters Greger in Wangen und gingen früh 5 ½ Uhr zur Mordstelle. Dort trafen wir um 6 Uhr mit dem Bürgermeister Greger und dem Ortsvorsteher Lorenz Schlittenbauer von Gröbern ein. Da uns inzwischen bekannt geworden ist, dass am Vorabend bereits eine Gerichtskommission und die Gend. in Schrobenhausen und Hohenwart anwesend waren, nahmen wir vorerst eine Besichtigung des Tatortes vor.

In einer Tenne fanden wir 4 Leichen. Wie uns der Ortsführer Lorenz Schlittenbauer angab, lagen die Leichen nicht mehr in der ursprünglichen Lage. Die Leichen sind vom Schlittenbauer wie folgt bezeichnet worden:
1.) Andreas Gruber, Austragsbauer, 70 Jahre alt,
2.) Zäzilie Gruber, dessen Ehefrau, etwa 70 Jahre alt,
3.) Victoria Gabriel, Bauerswitwe, 35 Jahre alt, Tochter des Vorgenannten, geb. 6.8.87 in Kaifeck
4.) Zäzilie Gruber, etwa 8 Jahre alt, Tochter der Victoria Gabriel.

Sämtliche 4 Leichen hatten schwere Schädelverletzungen und lagen in Blutlachen. Der Andreas Gruber war nur mit Hose und Hemd bekleidet, das Mädchen Zäzilie hatte nur ein Hemdchen an. Die beiden Frauen trugen noch ihre Werktagskleider. Von der Tenne aus führt eine unverschlossene Türe in den Stallgang. An dieser Türe fanden sich viele Blutspritzer vor.

Dem Stallgang entlang kommt man in einen Vorplatz und von da in die Küche. Im Stallgang selbst lag viel Heu und sonstiges Futter. Hier konnten wir kein Blut finden. Im Futtertrog an der Ecke lehnte ein sogenannter Kreuzpickel – auch Kreuzhacke genannt – Schlittenbauer gab an, dass dieser Pickel am 4.4. nachm. im Futterbarren lag und von den Rindern abgeleckt wurde. Er habe den Pickel im Barren an die Wand gelehnt. Die Besichtigung des Pickels ergab, dass am Stiel, dem sog. Haus, braunrote Flecken vorhanden sind, die m.E. nach Blutflecken sein dürften. Der Pickel soll Eigentum der Hausbesitzer sein. Wo dieser eigentlich ständig aufbewahrt war, konnte nicht bestimmt festgestellt werden.

Von dem zuletzt erwähnten Vorplatz aus gelangten wir in die Küche. Dort waren auf dem Steinpflaster einzelne Blutflecken sichtbar, jedoch keinerlei Abdrücke – Fußspuren -. Von der Küche aus in der gleichen Richtung fort, kamen wir in eine Kammer. Dort lag eine Frauensperson mit einer schweren Schädelverletzung in einer großen geronnenen Blutlache. Rechts von der Leiche steht ein Bett. Wie die Feststellungen ergaben, ist diese Tote mit der led. Dienstmagd Maria Baumgartner, geb. 1877 in Kühbach personengleich. Die Tote war noch vollständig bekleidet.

Von der Küche aus führt in östlicher Richtung eine Türe in den Hausgang. Auch dort fand sich am Boden ein Blutfleck vor. Links von Hausgang aus führte eine Türe in das Schlafzimmer. Dort standen 3 Kästen, 2 Betten (beisammenstehend), eine Kinderbettstatt und ein Kinderwägelchen. In dem Wägelchen lag der 2 ½ Jahre alte Sohn Josef der Witwe Viktoria Gabriel mit zerschmettertem Schädel. Die Betten, sowie das Bett im Kinderbettstadel waren nicht frisch gemacht. Auf dem einen Bette, neben dem Schrank lagen verschiedene Schriftstücke und auch eine leere Geldbrieftasche. Die Kästen waren nicht verschlossen. Spuren von Gewaltanwendung – Erbrechen – an denselben waren nicht ersichtlich. Wie sich nachträglich herausstellte, sind die Schränke bereits am 4.4. von der anwesenden Gend. durchsucht worden.
Am Fussboden fanden sich wieder Blutflecken vor, jedoch keine Fußspuren. Rechts vom Hausgange führt eine Türe in das Wohnzimmer, dort war anscheinend nichts durchwühlt.

Bei dem Mord war es anscheinend nur auf Bargeld abgesehen und ist auch bei der von uns in den sämtlichen Räumen, einschließlich Keller vorgenommenen Durchsuchung nach Papiergeld nur ein Fünfmarkschein in einem Gebetbuch vorgefunden worden. In den Schränken wurden eine Herrentaschenuhr und 2 Damenuhren, ein Ring, Kettchen, Rosenkränze und dergl. Bauernschmucksachen vorgefunden.

Ferner wurden im Schlafzimmer in dem neben dem Bette stehenden Schrank in einer Kassette folgendes Hartgeld gefunden:

1780 Mark in Gold, (Zwanzigmarkstücke)
10 einzelne Zehnmarkstücke,
159 einzelne Einmarkstücke,
3 Zweimarkstücke,
14 Dreimarkstücke,
24 Fünfmarkstücke und
1 Zwanzigpfennigstück in Silber.

Ferner eine Geldbörse, enthaltend:

5,50 Mark in Aluminium
1,50 Mark in Nickelzehnerl
90 Pfennig in Kriegsgeld,
5 einzelne Pfennig und
8 einzelne Pfennig in Aluminium.

Ferner 6,58 Mark in einer Blechsparbüchse, außerdem waren im Gesamtbetrag von 15.100 Mark verschiedene Pfandbriefe (Mäntel) nicht auch die Zinsbögen vorhanden. Ein Teil der dazu gehörigen Zinsbögen ist nach einem vorhandenen Depositenschein bei einer Bank in Schrobenhausen deponiert. Aus den vorhandenen Schlussscheinen dürfte festzustellen sein, wie viele Pfandbriefe angekauft und verkauft wurden, bzw. ob Pfandbriefe überhaupt abgängig sind.

Papiergeld dürfte dem Täter in ansehnlichem Betrage in die Hände gefallen sein. Es wurde u.a. die Vermutung laut, dass die Ermordeten möglicherweise 100 000 Mark Bar besessen haben. Sie hatten vor, einen Stall zu bauen.

Dabei ist nicht unerwähnt zu lassen, dass Frau Gabriel im Oktober 1921 5000 Mark zum Ankauf eines Motors und im Februar 1922 3000 Mark zur Bezahlung eines Dreschwagens von ihrer Stiefschwester Frau Zäzilie Starringer in Gerentshausen entlehnt hat. Auch vom Bürgermeister Josef Frey in Waidhofen sollte Andreas Gruber in letzter Zeit 10 000 Mark aufzunehmen versucht haben.

Dass die Ermordeten in der letzten Zeit größere Verkäufe abgeschlossen oder Geldbeträge vereinnahmt hätten, ist nicht bekannt. Das Getreide vom verg. Jahr ist noch vorhanden.

Die Tat selbst ist zweifellos am Freitag abends, vielleicht von 8-11 Uhr verübt worden.

Dies dürfte daraus zu schließen sein, dass Andreas Gruber nur mit Unterhose und Hemd und die Zäzilie Gabriel nur mit dem Hemdchen bekleidet war. Beide dürften vorher schon im Bett gelegen oder doch Anstalten zum Schlafengehen getroffen haben.

Wie die vernommenen Zeugen Schlittenbauer, Pöll und Siegel angaben, war bei ihrer Ankunft im Stalle ein Rind losgekettet gewesen. Vielleicht ist durch diese im Stalle entstandene Unruhe eines von den Ermordeten und vielleicht die Viktoria Gabriel in den Stall gegangen, dort niedergeschlagen und in die Tenne geworfen worden. Die weiteren Personen dürften infolge längeren Ausbleibens der Ersteren nach und nach zur Nachschau in den Stall nachgefolgt sein. Gruber oder die kleine Gabriel dürften die letzten gewesen sein, da die Gabriel in der Tenne am nächsten an der Stalltüre lag. Die Dienstmagd Maria Baumgartner dürfte in ihrer Kammer überrascht worden sein. Warum der oder die Mörder auch noch den 2 jährigen Knaben töteten, lässt sich nicht recht erklären. Bei diesem Kinde dürfte keine Gefahr zu befürchten gewesen sein. Es müsste denn sein, dass der Mörder ein dem Kinde mit Namen bekannte Person war oder aber das Kind hat Lärm gemacht. Möglicherweise ist das Kind aus verwandtschaftlichem Interesse, (Erbschaft) weggeräumt worden.

Der Hühnerstall war noch geschlossen. Der Hund, welcher Nachts regelmäßig im Stalle untergebracht wurde, war auch am 4.4 nachmittags noch im Stalle. Dieser soll an einem Auge verletzt sein, er wird als ein sehr wachsamer Hund bezeichnet. Alle weiteren Beweise dafür, dass die Tat am Freitag den 31.3. abends oder nachts verübt worden ist, ist anzusehen, dass die Zäzilie Gabriel am Samstag den 1.4.22, die Schule in Waidhofen nicht mehr besucht hat. Der Georg Söllwanger in Waidhofen hat bestimmt erklärt, dass die Genannte am 1.4. die Schule nicht mehr besucht hat. Ähnlich ist auch bestimmend die Aussage der beiden Cafereisenden Hans und Eduard Schirovsky. Diese waren am Samstag, den 1.4. bei dem Anwesen, haben wiederholt an den Fenstern geklopft und schauten durch die Fenster in die Wohnung, konnten aber keine Person wahrnehmen.

Über die Person der oder die Täter bestehen bisher keine greifbaren Anhaltspunkte.

Nicht unerwähnt zu lassen ist, dass der Ortsvorsteher Lorenz Schlittenbauer, der er mit uns an die Mordstätte kam, ein etwas aufgeregtes Benehmen zeigte. Er redet sehr viel und machte sich auch sonst wichtig, nahm sich um alles an und war auch mit den häuslichen Verhältnissen der Ermordeten gut vertraut. Er wusste am besten Bescheid. Er hat sich auch erboten 2 junge kranke Schweine, die anscheinend durch Hunger und Durst stark gelitten hatten in Verwahr zu nehmen. Im Einverständnis des Bürgermeisters Greger hat er diese Schweine in seiner Behausung untergebracht. Die Erregtheit des Schlittenbauers kann man sich vielleicht erklären dadurch, dass unter den Ermordeten sein eigenes Kind, der 2 ½ Jahre alte Josef Gruber war. Schlittenbauer hatte, als er noch im Witwenstand war, mit der Witwe Viktoria Gabriel, deren Ehemann im Jahre 1915 oder 1916 im Felde gefallen ist, ein Verhältnis unterhalten, das nicht ohne Folgen blieb. Schlittenbauer hätte die Viktoria Gabriel auch geheiratet, allein der Vater Andreas Gruber war mit dieser Heirat nicht einverstanden. Er hat die Alimente für den Knaben in Gesamtheit im Voraus beglichen und sich dann mit einer anderen Frauensperson verheiratet. Er gilt als gut situiert. Später habe er auch noch bei den Familien Gruber und Gabriel verkehrt, ist schon mit ihnen nicht verfremdet gewesen.

Das Motiv zu einer solch entsetzlichen Tat fehlt bei Schlittenbauer.

Weiter ist zu erwähnen, dass in der Nacht am Donnerstag den 30.3.22 im Anwesen der Verlebten von 2 Männern ein Einbruch verübt worden ist. Es ist nach Angabe des Andreas Gruber das Motorenhäuschen erbrochen, jedoch nichts entwendet worden. Im Neuschnee waren Fußspuren von 2 Männern ersichtlich, die zum Anwesen führten, es war aber angeblich keine Spur vorhanden, welche vom Anwesen weggeführt hätte. (Angaben des Schlittenbauer).

Am Mittwoch den 29.3. nachm. sollen nahe dem Walde des Anwesens der Ermordeten 2 Buschen im Alter von 18 bis 22 Jahren bemerkt worden sein. Sie sollen ein luckiartieges Aussehen haben. Eine genau Beschreibung konnte ich nicht beibringen. Die Gend. Hohenwart hat hiervon Kenntnis und wird weiter Feststellungen hierüber einleiten. Wie mir heute -6.4.22 die Gend. Kom, in Hohenwart gelegentlich einer Fernspruchanfrage mitteilte, seien auch am 29. und 30.3. in der Umgebung der Mordstelle und zuletzt in Waidhofen, 2 Männer, etwa 40 Jahre alt, sprachen fremden Dialekt, gewöhnlich gekleidet, ohne Ueberzieher, angeblich versprengte Oberschlesier, aufgetaucht. Weitere Erhebungen und Bericht folgen von der Gend. Hohenwart.

Die Ehegatten Gruber und Frau Gabriel galten als vermögende Leute. Sie lebten sparsam, zurück gezogen und pflegten wenig Umgang. Über ihre Verhältnisse haben sie sich auch Verwandten gegenüber nicht ausgesprochen. Es war in der Umgebung bekannt, dass die Familie Bargeld, auch Hartgeld und Pfandbriefe besitzen. Es ist anzunehmen, dass der oder die Täter von diesen Umständen Kenntnis hatten.

Über die Auffindung der Leichen durch die Zivilpersonen gestatte ich mir auf die bereits an die Staatsanwaltschaft Neuburg a.D. abgegebenen Vernehmungen hinweisen zu dürfen.

Bemerkt wird noch, dass angenommen er könnte auch ein erst kürzlich entlassener Strafgefangener in Frage kommen bei sämtlichen hier wohnhaften und in letzter Zeit entlassenen Anstaltsgefangenen Erhebung über ihren Aufenthalt am 31.3. und 1.4. eingeleitet wurden.

Ferner sind die Strafanstalten Landsberg, Straubing, Kaisheim um namentliche Verzeichnisse über die in letzter Zeit entlassenen Gefangenen ersucht worden. An Hand dieser Verzeichnisse werden dann die entsprechenden Aufenthaltserhebungen der einzelnen Entlassungen über ihren Aufenthalt zur kritischen Zeit eingeleitet.

Die Polizeihunde konnten eine Witterung von den Tätern nicht aufnehmen. Es ist zu berücksichtigen, dass in der Zwischenzeit Schneefall und Regenwetter eingetreten ist. Der Bericht des polizeilichen Erkennungsdienstes folgt.


Unterschrift des G. Reingruber


Kriminal-Oberinspektor

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