Zeitungsartikel: 1953-01-21 Abendzeitung

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Der Mörder lebt unter uns!

1 Detailinformationen

1.1 Datum

21. Januar 1953

1.2 Ort

München

1.3 Art des Dokumentes

Zeitungsartikel

1.4 Verfasser

Stefan Jörg

1.5 Verfasst für

Münchener Abendzeitung

1.6 Verfügbar

2 Inhalt

Stefan Jörg berichtet über die Bluttat von Hinterkaifeck

3. Fortsetzung
Erst am 5. April, fünf Tage nachdem das Verbrechen geschah, bringen die Zeitungen die ersten Meldungen von dem sechsfachen Mord in Hinterkaifeck. Bis von Augsburg und Ingolstadt kommen die Menschen. Die Städter staunen über die riesengroßen Fässer mit eingepöckeltem Fleisch, die Schmalztiegel und Eiertöpfe der Bäuerin. Wo doch zu dieser Zeit in der Stadt das Pfund Brot vier Mark und der Liter Milch zwischen sechs und acht Mark kostete.
Tag und Nacht wird für die Toten gebetet. Tag und Nacht halten einige beherzte Männer auf Hinterkaifeck Wache. - Erst nach vier Tagen kommt endlich der Staatsanwalt aus Neuburg. Er ordnet die Sektion der Leichen an. Aber irgendwelche sonstigen Spuren auf dem Hof zu verfolgen, ist für .ihn und die Kriminalbeamten praktisch ausgeschlossen. Hunderte von Stiefelabsätzen haben sich in den Küchen- und Stubenboden eingedrückt, Hunderte von Fingerabdrücken kleben an allem und jedem. Was einmal den Grubers und Gabriels gehört hat.
Dann kommt der Tag der Beerdigung. Auf einem Brückenwagen fahren die sechs Särge zum Friedhof von Waidhofen. Tausende begrenzen den Weg rechts und links, Tausende wollen dabei sein, wenn die sechs Opfer eines grauenvollen Mordüberfalls ihre letzte Ruhe finden. Jeder erhofft sich noch irgendeine Sensation.
Aber es geschieht nichts. Spürhunde werden von den Polizisten eingesetzt, sie verlieren ihre Fährte in den Wäldern. Das Innenministerium setzt für die Ergreifung der Täter eine Belohnung von 100 000 Mark aus. Schließlich treffen siebzig Mann einer Polizei-Sonderabteilung in Schrobenhausen ein. Sie haben den Auftrag. zur Beruhigung der beunruhigten Bevölkerung systematisch die ganzen Wälder um Hinterkaifeck zu durchstreifen. Das Bezirksamt gibt durch die Zeitungen und durch Anschläge besondere Anweisungen zum Schutz der Höfe vor ähnlichen Überfällen heraus.
Damit geht es an. Und dann hören jahre- , ja jahrzehntelang die Zeitungsmeldungen nicht mehr auf. Ebenso aber auch die Beschuldigungen, Verleumdungen und Verdächtigungen in den Dörfern um Hinterkaifeck. Jeder schwärzt jeden an, der Mörder oder Mitwisser der Untat auf dem Einödhof zu sein. Es gibt Prügeleien, es hagelt Geldstrafen und es gibt Bauern, die unter dem Druck der Verdächtigungen aus dieser Gegend fortziehen. Es scheint, als liege seit der Mordnacht ein Fluch auf Gröbern und Waidhofen. Rund 80 Menschen werden im Laufe der Jahre in Haft genommen und immer nach kurzer Zeit wieder entlassen. Ganz besonders scheel sieht man die Familie Gabriel an, die Brüder des gefallenen Ehemanns der Viktoria. Das Gerücht will. nicht verstummen, daß Karl Gabriel gar nicht tot, sondern nur in Gefangenschaft war und daß er, überraschend nach Hause gekommen, wegen der blutschänderischen Beziehung zwischen seiner Frau und seinem Schwiegervater bittere Rache genommen habe. Der Schlittenbauer wird verdächtigt, der sich so auffallend gut auf dem Hof auskannte, und so werden noch Dutzend andere von der Kriminalpolizei unter die Lupe genommen. Aber sie haben alle ein Alibi. Jeder von ihnen kann seine Unschuld beweisen. Der Mord von Hinterkaifeck bleibt weiter ein Rätsel.

Dann beginnen in den Jahren 1946/47/48 die schwäbischen Zeitungen den Fall Hinterkaifeck neu aufzurollen. Und sie merken rasch, daß dieses Thema bei den Lesern im Gebiet zwischen München, Augsburg und Ingolstadt keineswegs an Zugkraft verloren hat. So stellen sie weitere Recherchen an, besuchen noch lebende Tatort-Zeugen. Sie erinnern daran, daß seit der Mordtat kein Bauer sich mehr dazu bereiterklären wollte, den schönen Hof zu übernehmen. Daß ihn daher nach etwas über einem Jahr einer der Erben, ein Gabriel, abreißen ließ. Und daß die Arbeiter dabei im Fehlboden auf dem Speicher die Mordwaffe, eine Stockhaue, fanden, die noch voller Blutspuren war und an der Frauenhaare klebten.
Dann kommt der Brief des Setzerlehrlings Rudolf Storz an die Schwäbische Landeszeitung und der Besuch des Staatsanwalts Dr. Popp beim Benefiziaten Hauber in Weißenhorn auf der Schwäbischen Alb. Und mit dem mageren Ergebnis also, daß im Herbst 1941 eine Sterbende erklärt hat, ihre Brüder seien die Mörder von Hinterkaifeck, machen sich die Kriminalisten erneut an die Arbeit. Sie studieren auf das aufmerksamste über 2500 Augsburger Sterbeakten aus dem Jahre 1941. Sie entdecken dabei nicht nur den Namen der Frau, die auf dem Totenbett ihr Gewissen erleichtern wollte, sondern auch ihren Mädchennamen - den Namen ihrer Brüder. Staatsanwalt Popp fährt wieder zum Pfarrer Hauber. Und als er ihm die Namen nennt, der Frau und ihrer Brüder, da erinnert sich auch der Benefiziat wieder. Richtig, so hießen sie, ganz bestimmt. Staatsanwalt Popp bohrt nun weiter. Er stellt fest, daß einer der beiden Brüder von Beruf Korbmacher war und öfters in die Gegend von Schrobenhausen gekommmen war. Er stellt weiter fest, daß dieser Mann 1944 ums Leben gekommen war, als Opfer einer Lynchjustiz. (Man erzählt sich, er habe, als Wachposten in einem Lager von französischen Kriegsgefangenen,einen Mann erschossen und sei wenige Tage darauf selbst erschlagen aufgefunden worden.)
Nun ermittelt man, daß Viktoria tatsächlich mit diesem Mann kurz vor ihrer Ermordung ein Liebesverhältnis unterhalten hatte und daß es offenbar deshalb zwischen dem Korbmacher und dem alten Gruber zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war.
(Schluß folgt)

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3 Offene Fragen/Bemerkungen

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